Datei lässt sich nicht öffnen: gefälschte Speichermedien
Du hast eine Datei mithilfe eines USB-Sticks, externer SSD oder Speicherkarte übertragen und nun lässt sie sich nicht mehr öffnen? Die Umwandlung schlägt fehl? Der Dateiname ist da, die Größe stimmt? Dann hast du sehr wahrscheinlich kein Problem mit der Software oder Dateiformaten sondern mit deinem Speichermedium. Mit etwas Glück lassen sich defekte Dateien zumindest teilweise wiederherstellen.
Was sind gefälschte Speichermedien?
Gefälschte Speichermedien sind schon seit mehr als 20 Jahren im Umlauf und das Problem wird nicht kleiner. Das Prinzip ist einfach: ein USB-Stick enthält nur 4 GB echten Flash-Speicher. Der verbaute Controller-Chip wurde aber so umprogrammiert, dass er sich als 256 GB, 512 GB oder sogar 2 TB beim Betriebssystem meldet. Windows, macOS oder Linux ahnen nichts und zeigen die gefälschte Größe an. Alles in Ordnung, bis hier.
Solange du weniger als die tatsächliche Speicherkapazität nutzt, funktioniert auch alles. Wenn du also nach dem Kauf schon vorbildlich getestet hast, dann warst du dir wahrscheinlich sicher, dass der Stick funktioniert. Aber genau das ist das Tückische: die ersten Dateien, die du kopierst, sind oft völlig intakt. Das Medium wirkt einwandfrei und das Spektakel beginnt später.
Es wird ernst
Sobald der echte Speicher voll ist, wird es kritisch. Je nach Firmware-Manipulation passiert nun eins von zwei Dingen:
Variante 1: der Controller verwirft die neuen Dateien heimlich
Die meist, sofern man das sagen kann, bessere Variante: Die Dateinamen und Verzeichniseinträge werden noch in die File Allocation Table (FAT) geschrieben, die liegt ganz am Anfang des Speichers und passt noch darauf. Aber der eigentliche Dateiinhalt wird nicht oder nur noch teilweise gespeichert. Im Explorer erscheint die Datei noch mit ihrem korrektem Namen, auch die Größe wird korrekt dargestellt. Die Datei lässt sich aber nicht mehr öffnen. Die Umwandlung bei Online-Umwandeln.de schlägt fehl.
Diesen Fall hat z.B. die Datenrettungsfirma „DriveSavers“ dokumentiert: ein als 2 TB beworbener Stick hörte nach 58 GB geschriebenen Daten auf zu speichern. Die Verzeichnisstruktur sah aber normal aus. (DriveSavers)
Variante 2: der Controller schreibt im Kreis
Das ist die schlechtere Variante: hier werden bereits geschriebene Dateien einfach wieder überschrieben. So werden auch Dateien beschädigt die am Anfang noch korrekt lesbar waren.
In der Praxis heißt das: Meistens ist die zuletzt geschriebene oder eine große Datei defekt, nicht alle Dateien auf dem Medium. Die Dateien die zuerst geschrieben wurden sind noch lesbar, alles was danach kam ist verloren.
Ein großes Problem sind hier MP4 und MOV-Dateien. Diese Dateien haben oft am Ende der Daten das, zur Wiedergabe zwingend nötige, MOOV-Atom mit dem „Inhaltsverzeichnis“ der Datei. Genau in dem Bereich, der verworfen wird. Und ohne dieses MOOV-Atom lässt sich der Inhalt nur sehr schwer wiederherstellen. Die größte Wahrscheinlichkeit zur Wiederherstellung ist gegeben, wenn eine andere Datei vom exakt gleichen Aufnahmegerät mit den gleichen Einstellungen zur Hand ist.
Nicht nur billige USB-Sticks vom China-Shop sind betroffen
Das Problem betrifft alle Bauformen von Flash-Speichern:
USB-Sticks sind der Klassiker. Besonders beliebt sind bei Fälschern schon immer die hohen Kapazitäten, aktuell ab 128 GB aufwärts, weil hier die Gewinnmarge am größten ist.
MicroSD und SD-Karten sind besonders gefährlich, weil sie oft direkt in Kameras oder Handys stecken. Wenn die Karte beim Fotografieren die echte Kapazität überschreitet, sind die letzten Aufnahmen des Tages unwiederbringlich weg.
externe SSDs sind ein wachsender Trend bei Fälschern. Die Technikseite ReviewGeek hat eine angebliche 16-TB-SSD von Amazon aufgeschraubt: drin steckte eine einzelne microSD-Karte mit 64 GB an einer kleinen Adapterplatine (Quelle). Die Firmware gaukelte dem Rechner aber 16 TB vor. Der Datenrettungsspezialist CBL hat ähnliche Fälschungen dokumentiert: angebliche 1-TB-SSDs mit 8-GB-microSD-Karten im Inneren (Quelle).
(Externe) Festplatten werden auch „gefälscht“. Hier werden genutzte Festplatten als Neuware verkauft. Das führt i.d.R. aber nicht zu defekten Dateien sondern früher oder später zum Totalausfall.
Wie erkennst du ob dein Medium betroffen ist?
Verdachtsmomente
Der Preis ist der wichtigste Indikator – oder wie meine Mutter mir beibrachte: „Wenn etwas zu schön ist um wahr zu sein, dann ist es auch nicht wahr“. Echte Preise für Flash-Speicher sind relativ stabil und ein grober Anhaltspunkt: Seriöser Flash-Speicher kostet aktuell (Stand 2026) zwischen 5 und 10 Cent pro Gigabyte. Ein 1-TB-USB-Stick unter 50 Euro oder eine 2-TB-SSD unter 100 Euro sollte dich stutzig machen. Eine „16-TB-SSD“ für 30 Euro ist zu 100 % Betrug, denn diese Kapazität kostet bei seriösen Herstellern weit mehr als 1.000 Euro.
Weitere Warnsignale: Der Hersteller hat keine eigene Website. Die Schreibgeschwindigkeit bricht drastisch ein. Und, naja, du ahnst es: ab einer gewissen Datenmenge tauchen plötzlich korrupte Dateien auf, die erst beim Lesen auffallen.
So testest du deinen Speicher
Es gibt kostenlose Tools, die die tatsächlich nutzbare Kapazität ermitteln:
H2testw (Windows) ist der bewährte Standard. Das Tool schreibt Testdaten über die gesamte gemeldete Kapazität und prüft anschließend, ob alle Daten korrekt zurückgelesen werden können. Der Test dauert je nach Mediengröße und -geschwindigkeit mehrere Stunden. Achtung: Vorhandene Daten werden überschrieben. Download: h2testw bei Heise
F3 – Fight Flash Fraud (Linux, macOS) ist das Open-Source-Pendant zu H2testw und arbeitet nach demselben Prinzip. Projekt-Website: fight-flash-fraud.readthedocs.io
ValiDrive (Windows) ist ein neueres Tool, das zusätzlich Performance-Daten liefert und die Ergebnisse grafisch aufbereitet. Download: grc.com/validrive
Wichtig: Teste jedes neue Speichermedium sofort nach dem Kauf und vor dem ersten Einsatz mit echten Daten.
Typische Fehlerbilder defekter Dateien
Bilddateien (insbesondere JPG und PNG)
Bei Bildern äußert sich das Fehlerbild häufig so, dass ein Teil des Bildes (unten) fehlt. Oft ist dann nur ein grauer oder schwarzer Streifen zu sehen. Das ist ein typisches Zeichen dafür, dass die Datei unvollständig geschrieben wurde. Nicht zwingend durch gefälschte Speichermedien, auch zu frühes Entfernen des USB-Sticks oder Stromausfall können hier ursächlich sein.
Video-Dateien (insbesondere MP4 und MOV)
Meistens kommen Nutzer mit defekten Videos auf mich zu. Hier sind vor allem MP4 und MOV-Dateien zu nennen die besonders anfällig sind. Wie oben geschrieben fehlt dann das wichtige MOOV-Atom, das in der Regel (wenn kein faststart genutzt wird) an das ENDE der Datei geschrieben wird. Wenn dieses jedoch fehlt, dann wird es schwierig, da es eine Art Inhaltsverzeichnis des Videos darstellt.
Ähnlich häufig senden mir Nutzer Dateien zur Analyse, die sehr groß (mehrere GB) sind. Ein kurzer Blick zeigt dann immer wieder dasselbe Bild: es befinden sich nur Nullen in der Datei. Das zeigt sich schnell wenn die Datei komprimiert werden soll: das Archiv wird winzig, weil eben keine Daten enthalten sind. Hier lässt sich dann auch nichts rekonstruieren.
Gelegentlich sehe ich auch ein Misch-Format: Hier beginnt die Datei dann mit einigen (sehr vielen) Nullen, vermutlich wenn der Controller beginnt zu überschreiben. Hier ist es oft möglich die Nullen abzuschneiden, ein neues „Intro“ zu schreiben und die Datei lässt sich dann konvertieren und reparieren, da das MOOV-Atom am Ende der Datei oft noch erhalten ist. Das konkrete Vorgehen ist aber je nach Dateiformat unterschiedlich.
Kann man die Dateien noch retten?
Ehrlich? Nur selten komplett, gelegentlich teilweise
Dateien, die jenseits der echten Kapazität geschrieben wurden, sind physisch nie korrekt gespeichert worden. Es gibt nichts wiederherzustellen, weil nichts da ist. Wenn der Controller im Kreis geschrieben hat, wurden die älteren Daten überschrieben, auch dann sind sie weg.
Was du tun kannst:
Dateien, die innerhalb der echten Kapazität liegen (also die zuerst kopierten), sind möglicherweise noch intakt. Wenn du weißt oder vermutest, dass dein Medium gefälscht ist: Kopiere sofort alles, was sich noch öffnen lässt, auf ein geprüftes Medium.
Wenn das Originalgerät noch existiert: also die Kamera, das Handy, der Computer, von dem du kopiert hast, dann hole die Dateien von dort. Lösche auf dem Original nichts, bis die Kopie verifiziert ist. Benutze für den Transfer einen anderen USB-Stick aus sicherer Quelle falls nötig.
Kontaktiere mich bei wichtigen Dateien. Wenn die Dateien wichtig sind und keine Originale mehr existieren, die Umwandlung fehlschlägt: kontaktiere mich gern persönlich. Wenn es Bilder oder Videos sind, und die Quelle bekannt ist, dann kann ich oft helfen zumindest einen Teil der Dateien wiederherzustellen.
So kannst du dich schützen
Kaufe bei seriösen Quellen. Markenware (Samsung, SanDisk, Kingston, Crucial, Western Digital) direkt beim Hersteller oder bei etablierten Händlern. Selbst Amazon ist hier nicht mehr wirklich zu empfehlen. Insbesondere Marketplace-Angebote und auch Amazon selbst (auch Rücksendungen die als Neuware verkauft werden) führen zu Problemen.
Prüfe den Preis. Wenn ein Angebot unter der Hälfte des üblichen Marktpreises liegt, ist es mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Fälschung. Ein kurzer Vergleich auf Geizhals oder idealo zeigt, was ein Produkt realistisch kostet.
Teste sofort. Jedes neue Medium direkt nach dem Kauf mit H2testw, F3 oder ValiDrive prüfen. Das dauert, kann dir aber den Verlust unwiederbringlicher Daten ersparen.
Sichere mehrfach. Die 3-2-1-Regel: 3 Kopien deiner Daten, auf 2 verschiedenen Medientypen, davon 1 an einem anderen Ort. Wer nur eine einzige Kopie hat, hat leider keine Sicherung.
Zuletzt aktualisiert am 24. April 2026 von
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